Fake News – Phan­tom oder Phä­no­men?

Trump, Brex­it, Frank­reich-Wah­len — die po­li­ti­sche Welt ist in Auf­ruhr und ein Be­griff ist da­bei in al­ler Mun­de: Fake News. Auch in Deutsch­land ist im Hin­blick auf die Bun­des­tags­wahl die Angst vor ei­ner Be­ein­flus­sung durch Fake News groß. Doch ist die­se Angst wirk­lich be­rech­tigt?  Sind Fake News tat­säch­lich in der Lage, die nächs­te Bun­des­tags­wahl zu be­ein­flus­sen, oder ist un­ser de­mo­kra­ti­sches Im­mun­sys­tem stark ge­nug, um mit die­sem Pro­blem fer­tig zu wer­den? Eine wis­sen­schaft­li­che Be­stands­auf­nah­me gibt Auf­schluss.

Spä­tes­tens seit dem ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf im ver­gan­ge­nen Jahr ist das The­ma Fake News auch in Deutsch­land auf der Ta­ges­ord­nung. Nach dem Wahl­sieg Trumps wur­de ge­mut­maßt, der Aus­gang sei durch die ge­ziel­te Streu­ung von Fake News stark be­ein­flusst, mög­li­cher­wei­se so­gar be­stimmt wor­den. Ähn­li­che Be­den­ken wur­den nach der Brex­it-Ent­schei­dung ge­äu­ßert. In Deutsch­land sieht der­zeit je­der Zwei­te Fake News als ernst­haf­te Ge­fahr für die De­mo­kra­tie an und Po­li­ti­ker for­der­ten be­reits Ende letz­ten Jah­res här­te­re Stra­fen für die Ver­brei­tung von Falsch­mel­dun­gen.

Ne­ga­ti­ve Ef­fek­te auf die öf­fent­li­che Mei­nung: Kön­nen Fake News etwa auch die an­ste­hen­den Bun­des­tags­wah­len ma­ni­pu­lie­ren? Foto: Ri­chard­Ley, Quel­le, Li­zenz: CC0 Crea­ti­ve Com­mons

Ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die am 24. Sep­tem­ber an­ste­hen­den Bun­des­tags­wah­len herrscht eine dif­fu­se Angst vor der ge­ziel­ten Be­ein­flus­sung durch Fake News. Aber wie be­rech­tigt ist die­se Angst wirk­lich? Kön­nen Fake News tat­säch­lich die po­li­ti­sche Mei­nungs­bil­dung ma­ni­pu­lie­ren und den Aus­gang von Wah­len si­gni­fi­kant be­ein­flus­sen? Oder sind die Ef­fek­te doch eher ge­ring und Fake News ein über­be­wer­te­tes Phä­no­men?

Um Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen zu fin­den, wer­fen wir ei­nen Blick auf die For­schung zum The­ma. Ihre Er­geb­nis­se hel­fen uns, die Funk­ti­ons­wei­sen von Fake News, ihre Ent­wick­lung spe­zi­ell auf So­ci­al-Me­dia-Platt­for­men und ihre Rol­le in der po­li­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on bes­ser zu ver­ste­hen.

You are fake news!” und was noch al­les da­mit ge­meint ist

Was mit dem Aus­druck Fake News im öf­fent­li­chen Dis­kurs ei­gent­lich ge­meint ist, wird ak­tu­ell schein­bar im­mer un­kla­rer. Ei­ner­seits dient er in De­bat­ten als Kampf­be­griff, um un­be­que­men Fra­gen aus­zu­wei­chen oder an­de­re ab­zu­wer­ten.

Viel­fach wird der Be­griff als ab­leh­nen­der Aus­druck im öf­fent­li­chen Dis­kurs ver­wen­det. Foto: Kay­la Ve­las­quez, Quel­le, Li­zenz: Uns­plash Li­cen­se

Ins­be­son­de­re tra­di­tio­nel­le Me­di­en­un­ter­neh­men sol­len mit dem Vor­wurf “You are Fake News” dis­kre­di­tiert wer­den, der Be­griff dient hier als Syn­onym für Lü­gen­pres­se. An­de­rer­seits wird er aber auch als gänz­lich un­dif­fe­ren­zier­te Be­zeich­nung für Lü­gen und Falsch­mel­dun­gen al­ler Art oder so­gar Sa­ti­re ge­nutzt. Ein Bei­spiel hier­für sind die von den Grü­nen ge­fälsch­ten FDP-Wahl­pla­ka­te, die im Juli die­ses Jah­res auf Twit­ter viel­fach ge­teilt wur­den. Weil aber Sa­ti­re nicht die In­ten­ti­on hat, das Pu­bli­kum be­wusst in die Irre zu füh­ren, son­dern statt­des­sen mit Hil­fe von Iro­nie und Über­spit­zung den kri­ti­schen Dis­kurs för­dern will, ist der Be­griff ins­be­son­de­re in die­sem Zu­sam­men­hang un­an­ge­bracht. Auch un­be­ab­sich­tig­te Falsch­mel­dun­gen soll­ten nicht als Fake News be­zeich­net wer­den, selbst dann nicht, wenn sie durch eine un­zu­rei­chen­de Re­cher­che zu­stan­de ge­kom­men sind. Aus dem­sel­ben Grund ge­hört auch das so­ge­nann­te Click­bai­ting, bei dem Nut­zer durch auf­se­hen­er­re­gen­de Über­schrif­ten zum Kli­cken ani­miert wer­den sol­len, nicht in die Ka­te­go­rie Fake News. Häu­fig wer­den dar­über hin­aus eine hohe Reich­wei­te und die be­son­de­re Auf­merk­sam­keit, die be­stimm­ten Mel­dun­gen ge­wid­met wird, als Merk­mal für Fake News ge­nannt. Da aber auch be­son­ders re­le­van­ten Brea­king News un­ter Um­stän­den viel Be­ach­tung ge­schenkt wird, kann Auf­merk­sam­keit kein hin­rei­chen­des Merk­mal für Fake News sein.

Der in­fla­tio­nä­re und un­dif­fe­ren­zier­te Ge­brauch des Aus­drucks ver­wischt die kla­ren Kon­tu­ren und droht ihn un­brauch­bar wer­den zu las­sen. In die­sem Zu­sam­men­hang schlägt die Jour­na­lis­tin Mar­ga­ret Sul­li­v­an von der Wa­shing­ton Post vor, den Be­griff “Fake News” über­haupt nicht mehr wei­ter zu be­nut­zen. Aber das ist na­tür­lich kei­ne be­frie­di­gen­de Lö­sung. Denn ohne eine Mög­lich­keit zur Be­zeich­nung könn­te man auch das Pro­blem nicht the­ma­ti­sie­ren. Es ist des­halb nö­tig, das Phä­no­men in un­ter­schied­li­chen Di­men­sio­nen sinn­voll von Be­lei­di­gun­gen, Sa­ti­re, un­sau­be­rer jour­na­lis­ti­scher Ar­beit und an­de­ren Ver­wen­dun­gen ab­zu­gren­zen.

Fake News: Ab­sicht­li­che Täu­schung mit gro­ßem Em­pö­rungs­po­ten­zi­al

In die­sem Sin­ne las­sen sich Fake News als ab­sicht­lich kon­stru­ier­te Lü­gen in der Form von Nach­rich­ten be­stim­men, die eine mög­lichst weit­rei­chen­de Ver­brei­tung fin­den sol­len. Da­bei wer­den — ähn­lich wie beim Click­bai­ting — meist sti­lis­ti­sche Mit­tel ver­wen­det, die stark dra­ma­ti­sie­ren und mo­ra­li­sie­ren und höchs­te Bri­sanz und Em­pö­rung zum Aus­druck brin­gen. Die we­sent­li­chen Merk­ma­le von Fake News sind also ge­tarn­te Un­wahr­heit, Ab­sicht und eine ef­fek­ti­ve Bin­dung der Auf­merk­sam­keit.

Eine Des­in­for­ma­ti­on des Pu­bli­kums ist in un­ter­schied­li­chen For­men mög­lich. Der In­halt von Fake News kann bei­spiels­wei­se völ­lig frei er­fun­den sein, wie in der Mel­dung, der Papst un­ter­stüt­ze den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Do­nald Trump, die im Ok­to­ber 2016 viel­fach ge­teilt wur­de.

Trump als Prä­si­dent von Got­tes­gna­den? Nur eine von vie­len Fake News im US-Wahl­kampf 2016. Foto: Don­key­Ho­tey, Quel­le, Li­zenz: CC BY-SA 2.0

Häu­fig wer­den Fake News aber auch durch eine De­kon­tex­tua­li­se­rung von In­for­ma­tio­nen er­zeugt. Aus dem Kon­text ge­ris­sen kann sich eine ganz an­de­re Aus­sa­ge er­ge­ben, als ur­sprüng­lich in­ten­diert war. Ein Bei­spiel hier­für ist der Aus­schnitt ei­nes In­ter­views mit An­ge­la Mer­kel, der im Ja­nu­ar 2016 auf dem You­tube Ka­nal des Sen­ders Glo­ria TV zu se­hen war. In die­sem Aus­schnitt hört man An­ge­la Mer­kel sa­gen: “Wir müs­sen ak­zep­tie­ren, dass die Zahl der Straf­ta­ten bei ju­gend­li­chen Im­mi­gran­ten be­son­ders hoch ist”. Durch den feh­len­den Kon­text ließ sich ihre Aus­sa­ge als For­de­rung in­ter­pre­tie­ren, Ge­walt von Men­schen nicht-deut­scher Her­kunft müs­se to­le­riert wer­den, und führ­te zu ei­nem Auf­schrei der Em­pö­rung in der Be­völ­ke­rung. Eine wei­te­re Mög­lich­keit ist die Ma­ni­pu­la­ti­on von ei­gent­lich wah­ren In­for­ma­tio­nen. Dies ist häu­fig bei Bil­dern oder Quel­len­an­ga­ben der Fall. Ein Bei­spiel hier­für ist der an­geb­li­che Slo­gan-Klau der CDU, der jüngst auf Face­book und Twit­ter the­ma­ti­siert wur­de. In ei­ner Fo­to­mon­ta­ge sind zwei Wahl­pla­ka­te zu se­hen. Das eine zeigt An­ge­la Mer­kel und den ak­tu­el­len Wahl­slo­gan der CDU: “Für ein Deutsch­land, in dem wir gut und ger­ne le­ben”. Auf ei­nem zwei­ten, his­to­ri­schen Pla­kat der SED ist in leicht ab­ge­wan­del­ter Form eben die­ser Slo­gan zu le­sen. Bei die­sem Foto han­del­te es sich je­doch um ei­nen Fake, wie schnell klar wur­de. Ma­ni­pu­lier­te Fo­tos und Vi­de­os sind des­we­gen so wir­kungs­voll, weil wir ih­nen eine grö­ße­re Glaub­wür­dig­keit zu­schrei­ben.

Die mit der Kon­struk­ti­on und Ver­brei­tung von Fake News ver­bun­de­nen Ab­sich­ten kön­nen je­weils sehr un­ter­schied­lich sein und müs­sen nicht zwin­gend auf po­li­ti­sche Ef­fek­te ab­zie­len: Ne­ben dem Mo­tiv, das Pu­bli­kum in die Irre zu füh­ren und so die öf­fent­li­che Mei­nung zu be­ein­flus­sen, geht es den Ver­ant­wort­li­chen häu­fig auch dar­um, Auf­merk­sam­keit und Reich­wei­te für be­stimm­te Web­sites und Por­ta­le zu er­zie­len, um dann Wer­be­ein­nah­men zu ge­ne­rie­ren. Nicht aus­zu­schlie­ßen ist dar­über hin­aus auch die Be­frie­di­gung nar­ziss­ti­scher Be­dürf­nis­se: Mit dem Ver­mö­gen, Auf­merk­sam­keit zu bin­den, kön­nen Ge­füh­le von Stär­ke und Macht ein­her­ge­hen. Ähn­li­che Mo­ti­ve las­sen sich häu­fig auch bei Trol­len ver­mu­ten, de­ren Ziel es ist, Dis­kus­sio­nen so zu es­ka­lie­ren, dass die sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung völ­lig un­mög­lich wird.

Nicht neu, aber jetzt ent­fes­selt

Schon früh wur­de in der Dis­kus­si­on um Fake News fest­ge­stellt, dass es sich hier­bei nicht um ein völ­lig neu­es Phä­no­men han­delt. Seit je­her wur­den In­for­ma­tio­nen ab­sicht­lich ge­fälscht, um die öf­fent­li­che Mei­nung zu be­ein­flus­sen. Je­doch ha­ben sich mit dem In­ter­net ei­ni­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­din­gun­gen so ge­än­dert, dass Fake News heu­te mit zu den be­sorg­nis­er­re­gends­ten Pro­ble­men des di­gi­ta­len Zeit­al­ters ge­hö­ren.

Im di­gi­ta­len Uni­ver­sum ent­schei­den die Nut­zer, was pu­bli­ziert wird. Foto: Tero­Ve­sa­lai­nen, Quel­le, Li­zenz: CC0 Crea­ti­ve Com­mons

Frü­her wa­ren Gate­kee­per, wie etwa Jour­na­lis­ten oder Ver­le­ger, da­für zu­stän­dig, In­for­ma­tio­nen zu über­prü­fen und zu fil­tern, be­vor sie pu­bli­ziert und da­mit ei­nem brei­ten Pu­bli­kum zu­gäng­lich ge­macht wur­den. Heu­te wer­den die­se Fil­ter durch die Nut­zung von Platt­for­men wie bei­spiels­wei­se Face­book, Twit­ter oder auch Goog­le um­gan­gen und Nach­rich­ten längst nicht mehr nur von den tra­di­tio­nel­len Me­di­en­un­ter­neh­men be­zo­gen. Die­ser Weg­fall tra­di­tio­nel­ler Gate­kee­per hat ne­ben vie­len po­si­ti­ven Ef­fek­ten, die mit dem Stich­wort De­mo­kra­ti­sie­rung der Me­di­en be­grüßt wer­den, auch ne­ga­ti­ve Sei­ten: Denn die on­line ver­öf­fent­lich­ten In­for­ma­tio­nen un­ter­lie­gen we­der ei­nem Pres­se­ko­dex noch an­de­ren Re­geln, die ihre Rich­tig­keit ga­ran­tie­ren oder zu­min­dest wahr­schein­li­cher ma­chen könn­ten. Halb- oder Un­wahr­hei­ten ha­ben seit dem Ende des 20. Jahr­hun­derts zu­min­dest prin­zi­pi­ell die glei­chen Ver­brei­tungs­chan­cen, wie viel­fach be­stä­tig­tes Wis­sen. Mit dem In­ter­net ist so eine Si­tua­ti­on ent­stan­den, die man in An­leh­nung an den viel be­spro­che­nen In­for­ma­ti­on Over­load auch als In­for­ma­ti­on Un­cer­tain­ty be­zeich­nen könn­te: On­line kann man nicht wis­sen, ob In­for­ma­tio­nen zu­ver­läs­sig sind oder nicht und es sind zu­sätz­li­che Maß­nah­men not­wen­dig, um die­se Un­si­cher­heit zu re­du­zie­ren.

Die ver­ein­fach­te Ver­brei­tung von In­for­ma­tio­nen führt auch zu ih­rer Be­schleu­ni­gung, den so­ge­nann­ten vi­ra­len Ef­fek­ten: Fake News kön­nen über per­sön­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­wer­ke von Nut­zer zu Nut­zer wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Im Ver­gleich zur frü­he­ren Mund-zu-Mund-Pro­pa­gan­da, die we­sent­lich auf An­we­sen­heit an­ge­wie­sen war, ist es auf So­ci­al Me­dia-Platt­for­men mög­lich, mit nur we­ni­gen Klicks ge­sam­te Freun­des- und Be­kann­ten­krei­se zu er­rei­chen. Sol­che Netz­werk­ef­fek­te un­ter­lau­fen jede Hoff­nung auf ein recht­zei­ti­ges De­bun­king der Falsch­mel­dun­gen durch ent­spre­chen­de In­sti­tu­tio­nen. In der Fol­ge wirkt die Öf­fent­lich­keit des 21. Jahr­hun­derts für ei­nen Be­ob­ach­ter be­son­ders reiz­bar und ner­vös.

Sind wir alle ver­blö­det? Oder: Wie­so funk­tio­nie­ren Fake News?

Die ge­stie­ge­ne po­ten­zi­el­le Reich­wei­te und die er­höh­te Ver­brei­tungs­ge­schwin­dig­keit von Fake News er­klä­ren zwar die Pro­mi­nenz, die das The­ma mitt­ler­wei­le er­reicht hat, aber noch nicht, wie­so sich die­se In­hal­te tat­säch­lich auch ver­brei­ten. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Ver­ein­fa­chung der Kom­mu­ni­ka­ti­on gilt für je­den Con­tent — aber wie­so wer­den dann nicht In­for­ma­tio­nen mit­ge­teilt, die ver­läss­lich sind? Die­se Fra­ge ist umso wich­ti­ger, weil es ei­gent­lich eine Fül­le an Mög­lich­kei­ten gibt — z. B. Ver­gleich ver­schie­de­ner Quel­len, Goo­g­les Pa­ge­Rank oder un­ter­schied­lichs­te Be­wer­tungs­sys­te­me und vie­les mehr -, In­hal­te ohne grö­ße­ren Auf­wand auf ihre Ver­läss­lich­keit zu prü­fen.

Man darf die Phä­no­me­ne so­zia­ler An­ste­ckung, die im Zu­sam­men­hang mit Fake News zu be­ob­ach­ten sind, nicht vor­schnell zir­ku­lär be­grün­den. Ge­nau dies ist je­doch im Grun­de der Kern je­ner Er­klä­run­gen, die bei­spiels­wei­se Mit­läu­fer­ef­fek­te be­ob­ach­ten. Sie ge­hen da­von aus, dass Nut­zer sich in ih­rem Ur­teil über Ak­zep­tanz oder Ab­leh­nung ei­ner In­for­ma­ti­on häu­fig ei­ner Mehr­heits­mei­nung un­ter­wer­fen. Es stimmt zwar, dass ge­mein­sam ge­teil­te Ein­stel­lun­gen grö­ße­rer Grup­pen ei­nen An­pas­sungs­druck auf In­di­vi­du­en in ih­nen aus­üben und man des­halb Mit­läu­fer­ef­fek­te be­ob­ach­ten kann. Al­ler­dings muss man im Fall von Fake News zu­erst ein­mal er­klä­ren, wie es zu ei­ner mehr­heit­li­chen Ak­zep­tanz der fal­schen Nach­richt über­haupt ge­kom­men ist, be­vor et­wai­ge Ef­fek­te auf ein­zel­ne Nut­zer wirk­sam sein kön­nen. Dies gilt auch für die Er­klä­rung, dass Le­ser In­for­ma­tio­nen eher glau­ben, wenn die­se von Be­kann­ten stam­men. Auch Be­kann­te müs­sen die ent­spre­chen­den Fake News ja zu­nächst ein­mal selbst glau­ben, be­vor sie die­se dann in ih­rem Netz­werk ver­brei­ten.

Aber wo lie­gen die Ur­sa­chen da­für, dass sich Nut­zer von fal­schen In­for­ma­tio­nen in die Irre füh­ren las­sen, ob­wohl wir es heu­te mit ei­ner Quel­len­viel­falt und da­mit ver­bun­de­nen Über­prüf­bar­keit von In­hal­ten zu tun ha­ben, die me­di­en­ge­schicht­lich be­trach­tet bei­spiel­los ist?

Si­cher­lich wird man dem ent­ge­gen­hal­ten kön­nen, dass es ge­ra­de die­se Men­ge an In­for­ma­tio­nen ist, die das Pro­blem mit­ver­ur­sacht. Nut­zer wer­den on­line ge­ra­de­zu mit In­hal­ten über­flu­tet, was zum be­kann­ten Phä­no­men des In­for­ma­ti­on Over­load führt. Zu­dem in­for­mie­ren sich Nut­zer mitt­ler­wei­le häu­fig über mo­bi­le End­ge­rä­te. In der Fol­ge neh­men Auf­merk­sam­keits­span­ne und Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit der Nut­zer stark ab. So wer­den bei­spiels­wei­se nur noch 15% der auf­ge­ru­fe­nen On­line In­hal­te wirk­lich ge­le­sen, häu­fig nur noch die Über­schrif­ten über­flo­gen. Dies führt na­tür­lich zu ei­ner hö­he­ren Täu­schungs­an­fäl­lig­keit. Mit der ge­stie­ge­nen Kom­ple­xi­tät al­lein lässt sich das Phä­no­men Fake News je­doch trotz­dem nicht be­frie­di­gend er­klä­ren: Denn nor­ma­ler­wei­se nimmt die Skep­sis des Emp­fän­gers ei­ner In­for­ma­ti­on umso mehr zu, je grö­ßer ihre Re­le­vanz ist. An­ge­sichts der Bri­sanz und Dra­ma­tik der meis­ten Fake News müss­te man des­halb er­war­ten, dass die Nut­zer in die­sen Fäl­len der ober­fläch­li­chen Re­zep­ti­ons­hal­tung zum Trotz be­son­ders wach­sam sind und sol­che Nach­rich­ten nur sehr zö­ger­lich ak­zep­tie­ren. Die Leicht­fer­tig­keit und Acht­lo­sig­keit, mit der sie al­ler­dings selbst den bi­zarrs­ten Un­sinn tei­len, schei­nen die­ses Prin­zip je­doch völ­lig au­ßer Kraft zu set­zen — und die Fra­ge lau­tet: wie­so?

Der Grund: Ich glau­be, was ich glau­be, was ich glau­be, was ich glau­be…

Es er­scheint viel­ver­spre­chen­der, Fake News durch ein psy­cho­lo­gi­sches Phä­no­men zu er­klä­ren, das nor­ma­ler­wei­se der Ver­ar­bei­tung kom­ple­xer In­for­ma­ti­ons­la­gen dient — das so­ge­nann­te Con­fir­ma­ti­on Bias, das auch als Be­stä­ti­gungs­feh­ler be­zeich­net wird. Es han­delt sich da­bei um eine Ver­ein­fa­chungs­stra­te­gie, bei der In­for­ma­tio­nen, die nicht zu ei­ner Über­zeu­gung oder Er­fah­rung pas­sen, mit er­höh­ter Wahr­schein­lich­keit ab­ge­lehnt wer­den. Die Emp­fän­ger von Fake News glau­ben so ge­se­hen also eher jene Nach­rich­ten, die ih­rer Per­spek­ti­ve ent­spre­chen, und dies selbst dann, wenn sie gleich­zei­tig über In­for­ma­tio­nen ver­fü­gen, mit de­nen sie die Falsch­mel­dun­gen kor­ri­gie­ren könn­ten. Da­bei ist die Schwel­le, ab der ge­gen­tei­li­ge In­for­ma­tio­nen ei­nen Ein­stel­lungs­wech­sel er­zwin­gen, umso grö­ßer, je be­deut­sa­mer und da­mit emo­tio­na­ler die je­wei­li­ge Ein­stel­lung ist. Der Be­stä­ti­gungs­feh­ler ist na­tür­lich kei­ne sehr sym­pa­thi­sche Er­klä­rung. Wir ge­ben un­gern zu, dass un­ser Er­le­ben und Han­deln sehr stark von Vor­ur­tei­len, Frames, Sche­ma­ta und Skrip­ten ge­lei­tet ist, de­nen wir auf Grund un­se­rer Er­fah­rung mehr ver­trau­en als In­for­ma­tio­nen, die die­se Stra­te­gi­en in Fra­ge stel­len. Viel­leicht be­vor­zu­gen wir des­we­gen auch Be­grün­dun­gen wie die Mit­läu­fer­the­se, auch wenn sie bei ge­naue­rem Hin­se­hen nicht über­zeu­gen kön­nen.

Fake News und Po­li­tik

Auf Grund der Po­pu­la­ri­tät des The­mas sind in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ver­schie­de­ne In­itia­ti­ven ent­stan­den, die Fake News den Kampf an­ge­sagt ha­ben. In­ter­net­sei­ten wie bei­spiels­wei­se COR­REC­TIV, der Fak­ten­fin­der der Ta­ges­schau und der Ver­ein Mi­mi­ka­ma über­prü­fen Nach­rich­ten auf ihre Rich­tig­keit und ent­tar­nen so Falsch­mel­dun­gen. Si­cher­lich las­sen sich so in man­chen Fäl­len Ge­gen­dar­stel­lun­gen ver­öf­fent­li­chen. Aber da­durch blei­ben die Fake News ers­tens trotz­dem in Um­lauf und zwei­tens wir­ken sol­che Maß­nah­men an­ge­sichts der Men­ge an In­for­ma­tio­nen, die täg­lich on­line ver­öf­fent­licht wer­den, na­tür­lich nur wie der sprich­wört­li­che Trop­fen auf den hei­ßen Stein.

Wir­kungs­voll wäre nur eine au­to­ma­ti­sier­te Ver­ar­bei­tung der Da­ten­men­gen. An den ent­spre­chen­den Ver­fah­ren ar­bei­ten auch die gro­ßen So­ci­al-Me­dia-An­bie­ter mit. Face­book hat sei­nen Usern bei­spiels­wei­se ver­spro­chen, ver­schie­de­ne Maß­nah­men ge­gen die Ver­brei­tung von Fake News zu er­grei­fen und setzt nun Al­go­rith­men zu ih­rer Er­ken­nung ein. Sei­ten, die wie­der­holt Fake News tei­len oder auf die­se ver­lin­ken, dür­fen kei­ne Wer­bung mehr auf Face­book schal­ten. Aber auch die Po­li­tik macht Druck: Ende Juni wur­de das Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz im Bun­des­tag be­schlos­sen. Das Ge­setz soll für die Ein­däm­mung von Hate Speech, Fake News und an­de­ren Straf­ta­ten sor­gen. So­zia­le Netz­wer­ke sind dazu ver­pflich­tet, “of­fen­kun­dig straf­ba­re In­hal­te”, auf die sie hin­ge­wie­sen wor­den sind, in­ner­halb von 24 Stun­den zu lö­schen. In we­ni­ger ein­deu­ti­gen Fäl­len gilt eine Frist von sie­ben Ta­gen. Er­folgt kei­ne Lö­schung, kön­nen bei mehr­ma­li­gem Ver­stoß Stra­fen in Höhe von 50 Mil­lio­nen Euro dro­hen. Kri­ti­ker be­fürch­ten je­doch, dass durch das so­ge­nann­te “Zen­sur­ge­setz” die Mei­nungs­frei­heit der Nut­zer mas­siv ein­ge­schränkt wird, da es eine prä­ven­ti­ve Lö­schung mög­li­cher­wei­se pro­ble­ma­ti­scher In­hal­te in gro­ßem Um­fang er­zwin­gen könn­te. Denn die zur Ver­fü­gung ste­hen­den Al­go­rith­men sind bis­lang noch nicht aus­ge­reift ge­nug, um si­cher zwi­schen Fake und True News zu un­ter­schei­den.

An­ge­sichts die­ser Hilf­lo­sig­keit kann man die Sor­gen über eine mög­li­che Ma­ni­pu­la­ti­on der Wah­len durch ge­ziel­te Des­in­for­ma­ti­on na­tür­lich noch bes­ser ver­ste­hen. Aber ha­ben Fake News tat­säch­lich ernst zu neh­men­de Ef­fek­te auf die po­li­ti­sche Wil­lens­bil­dung?

Alarm­stu­fe Rot für die De­mo­kra­tie? Kön­nen wir uns noch dar­auf ver­las­sen, dass der Wil­lens­bil­dungs­pro­zess auf ver­läss­li­chen In­for­ma­tio­nen be­ruht? Foto: ul­leo, Quel­le, Li­zenz: CC0 Crea­ti­ve Com­mons

Fake News und Fil­ter Bub­bles — das Ende der De­mo­kra­tie?

Kom­men wir zur Be­ant­wor­tung der Fra­ge zu­nächst noch ein­mal auf das Pro­blem des Con­fir­ma­ti­on Bias zu­rück: Viel­fach wird der Be­stä­ti­gungs­feh­ler in Ver­bin­dung mit der Ent­ste­hung so­ge­nann­ter Fil­ter­bla­sen ge­bracht. Da­bei ver­än­dert sich die nor­ma­le Se­lek­ti­on von In­hal­ten nach in­di­vi­du­el­len In­ter­es­sen, die je­der Nut­zer täg­lich vor­nimmt, in ei­ner sehr un­güns­ti­gen Wei­se. Der Nut­zer kap­selt sich ein und liest und hört nur noch, was sei­nem Welt­bild ent­spricht. Die­se Selbst­be­stä­ti­gung der ei­ge­nen Per­spek­ti­ve hat dann zu­neh­men­de Ver­stär­kungs- und zum Teil auch Ra­di­ka­li­sie­rungs­ef­fek­te. In ei­nem sol­chen Fall kön­nen auch Fake News dazu bei­tra­gen, dass sich eine ver­zerr­te Wahr­neh­mung po­li­ti­scher Ver­hält­nis­se fes­tigt, kön­nen viel­leicht so­gar dazu füh­ren, dass sich Ein­zel­ne end­gül­tig vom de­mo­kra­ti­schen Sys­tem ab­wen­den. Es ist aber sehr wich­tig, da­bei im Auge zu be­hal­ten, dass Fake News nur ei­nen Teil der da­für ver­ant­wort­li­chen In­for­ma­tio­nen dar­stel­len. Das Pro­blem der Ex­klu­si­on und Iso­la­ti­on, das mit dem Be­griff Fil­ter Bub­b­le adres­siert ist, kann nicht gut al­lein auf Ma­ni­pu­la­ti­on zu­rück­ge­führt wer­den. Es wäre un­rea­lis­tisch, wür­de man da­von aus­ge­hen, dass Bür­ger nur be­sorgt sind, weil sie ge­täuscht wer­den. Mit an­de­ren Wor­ten: Das Fil­ter-Bub­b­le-Pro­blem er­schöpft sich nicht, nicht ein­mal an­satz­wei­se in Fake News. Wer ge­gen sol­che an­ti­de­mo­kra­ti­schen Ten­den­zen kämp­fen möch­te, wäre schlecht be­ra­ten, nur bi­zar­re Ge­schich­ten über die Bun­des­kanz­le­rin zu ver­bie­ten. Das Pro­blem hat an­de­re Wur­zeln und dort müss­te man an­set­zen.

Spe­zi­ell im Hin­blick auf po­li­ti­sche Wah­len kann man aber da­von aus­ge­hen, dass sol­che Nut­zer auch ohne Fake News schon Mei­nun­gen be­sit­zen, die ein be­stimm­tes Wahl­ver­hal­ten mo­ti­vie­ren. Man wird sie ty­pisch an den po­li­ti­schen Rän­dern fin­den — links wie rechts. Sie las­sen sich bei­spiels­wei­se der Grup­pe der Pro­test­wäh­ler zu­ord­nen oder blei­ben als Ver­zwei­fel­te am Wahl­tag ein­fach zu Hau­se. Sie wech­seln nicht we­gen Fake News plötz­lich die Sei­ten. So sehr ihre Mei­nun­gen also an­de­ren Über­zeu­gun­gen zu­wi­der­lau­fen mö­gen, so sehr man sich per­sön­lich an ih­rem Po­pu­lis­mus und ih­rer Nai­vi­tät stört: Eine si­gni­fi­kan­te Be­ein­flus­sung der Wahl durch Fake News ist auf die­sem Weg ex­trem un­wahr­schein­lich.

Hard Facts statt “Dra­ma, Baby!” — was wir über Fake News wis­sen

Da­von ab­ge­se­hen wird das Pro­blem der Fil­ter Bub­bles ins­ge­samt auch deut­lich über­schätzt. Bis­lang feh­len kon­kre­te em­pi­ri­sche Nach­wei­se ei­ner wirk­li­chen Selbst­iso­la­ti­on und ei­ner ech­ten To­tal­ver­wei­ge­rung im Hin­blick auf eine Di­ver­si­tät der In­for­ma­ti­ons­quel­len. Wo­mög­lich ist un­se­re Wahr­neh­mung also da­bei mehr von jour­na­lis­ti­schen Dra­ma­ti­sie­rungs­ef­fek­ten ge­prägt. Statt­des­sen be­le­gen Stu­di­en eine ins­ge­samt deut­lich di­ver­si­fi­zier­te Me­di­en­nut­zung mit ei­ner zen­tra­len Be­deu­tung qua­li­ta­ti­ver In­hal­te, ins­be­son­de­re auch in Deutsch­land. Bei uns gilt nach wie vor das Fern­se­hen als wich­tigs­te Quel­le, wenn es um ta­ges­ak­tu­el­le Nach­rich­ten geht. Le­dig­lich 28% der Be­frag­ten in­for­mie­ren sich lie­ber im In­ter­net und nur 7% be­vor­zu­gen so­zia­le Me­di­en. Die Zahl de­rer, die so­zia­le Me­di­en als ihre ein­zi­ge In­for­ma­ti­ons­quel­le nut­zen, liegt der­zeit bei le­dig­lich 1,6%. Auch das Ver­trau­en in die klas­si­schen Me­di­en liegt in Deutsch­land auf ei­nem ho­hen Ni­veau. Für 72% der Be­völ­ke­rung ist das Fern­se­hen (öf­fent­lich-recht­lich) und für 65 % sind Ta­ges­zei­tun­gen eine glaub­wür­di­ge Quel­le, we­sent­lich nied­ri­ger ist das Ver­trau­en hin­ge­gen in das In­ter­net (27%) und in so­zia­le Me­di­en (8%).

Auch wenn sie Ein­bu­ßen bei Quo­ten und Auf­la­gen hin­neh­men müs­sen: Das Ver­trau­en in die klas­si­schen Me­di­en­ak­teu­re bleibt auf ei­nem kon­stant ho­hen Ni­veau. Foto: G. Cres­co­li , Quel­le, Li­zenz: Uns­plash Li­cen­se

Die­ses Bild be­stä­tigt sich auch für an­de­re Län­der, wenn­gleich die Me­di­en­land­schaft bei­spiels­wei­se in den USA deut­lich po­la­ri­sier­ter ist und so­zia­le Me­di­en ins­ge­samt eine grö­ße­re Rol­le spie­len. Es war denn auch der ame­ri­ka­ni­sche Wahl­kampf im ver­gan­ge­nen Jahr, der die De­bat­te um den Ein­fluss von Fake News an­ge­sto­ßen hat­te. Doch die An­nah­me, dass Des­in­for­ma­tio­nen eine ent­schei­den­de Rol­le bei der US-Wahl ge­spielt ha­ben, wur­de An­fang des Jah­res 2017 durch eine Stu­die der Stand­ford Uni­ver­si­tät nicht be­stä­tigt. An­ders als es zwi­schen­zeit­lich den Ein­druck ge­macht hat­te, wa­ren So­ci­al-Me­dia-Ka­nä­le zwar eine wich­ti­ge, aber nicht die do­mi­nan­te In­for­ma­ti­ons­quel­le. Das Fern­se­hen ist auch in den USA die wich­tigs­te In­for­ma­ti­ons­quel­le und hat trotz ei­ner an­hal­ten­den Me­di­en­skep­sis ei­nen enor­men Ein­fluss. In der durch­ge­führ­ten Be­fra­gung konn­ten sich le­dig­lich 15% der Pro­ban­den an po­pu­lä­re Fake-News-Schlag­zei­len aus der Zeit des Wahl­kampfs er­in­nern und nur 8% ga­ben an, die­se Schlag­zei­len auch ge­glaubt zu ha­ben. Aus die­sen An­ga­ben lei­te­ten die Au­to­ren die Men­ge an Fake News ab, die ein Er­wach­se­ner wäh­rend des Wahl­kampfs im Durch­schnitt re­zi­piert hat­te. In Kom­bi­na­ti­on mit Wer­ten über die Wahr­schein­lich­keit, mit der aus dem Kon­takt mit sol­chen Nach­rich­ten auch eine Ein­stel­lungs­än­de­rung re­sul­tiert, ver­an­schlag­ten sie, dass die Wir­kung von Fake News auf die Wahl­er­geb­nis­se in der Grö­ßen­ord­nung ei­nes hun­derts­tel Pro­zent­punk­tes ge­le­gen ha­ben dürf­te. Zu ähn­li­chen Er­geb­nis­sen kam auch eine Stu­die der Har­vard Uni­ver­si­tät: Die in der Stu­die er­ho­be­nen Da­ten be­le­gen, dass ein Groß­teil der Be­völ­ke­rung, auch die­je­ni­gen, die ihre In­for­ma­tio­nen über So­ci­al-Me­dia-Ka­nä­le be­zie­hen, wei­ter­hin dem Nach­rich­ten­an­ge­bot tra­di­tio­nel­ler Me­di­en­un­ter­neh­men folgt. Die Nut­zer schät­zen Qua­li­täts­jour­na­lis­mus und über­prü­fen In­for­ma­tio­nen an­hand ver­schie­de­ner Quel­len. Die Au­to­ren be­ob­ach­ten und kri­ti­sie­ren des­halb zwar eine neu­ar­ti­ge deut­li­che Spal­tung der Öf­fent­lich­keit in die bei­den gro­ßen kon­kur­rie­ren­den po­li­ti­schen La­ger, be­wer­ten aber kon­kret Fake News ex­pli­zit nicht als ernst­zu­neh­men­des Pro­blem.

An der Ox­ford Uni­ver­si­tät wur­den dar­über hin­aus meh­re­re Stu­di­en über die Ver­wen­dung von Twit­ter in den Wo­chen vor wich­ti­gen Wah­len in Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich und Deutsch­land durch­ge­führt. In den Stu­di­en wur­den Tweets mit Be­zug auf die je­wei­li­gen Wahl­kämp­fe auf die Qua­li­tät der in ih­nen ver­link­ten In­hal­te ge­prüft und das Ver­hält­nis von True zu Fake News un­ter­sucht. Bei der Ana­ly­se der Tweets in den Wo­chen vor den bri­ti­schen Par­la­ments­wah­len die­ses Jah­res zeig­te sich bei­spiels­wei­se, dass die­ses Ver­hält­nis stark zu­guns­ten ver­läss­li­cher In­hal­te aus­fiel: Je­weils fünf Links zu eta­blier­ten Nach­rich­ten­sei­ten stand le­dig­lich eine Falsch­mel­dung ge­gen­über. Bei der Prä­si­dent­schafts­wahl in Frank­reich führ­ten hin­ge­gen 46% der ge­teil­ten Links zu eta­blier­ten Nach­rich­ten­sei­ten, 15,7% auf die Sei­ten von Par­tei­en und Ex­per­ten und so­gar nur ca. 4 % auf Sei­ten, auf de­nen Des­in­for­ma­tio­nen zu fin­den wa­ren. Auch in Deutsch­land wur­den im Zuge der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl größ­ten­teils Links zu pro­fes­sio­nel­len In­for­ma­ti­ons­sei­ten ge­teilt. Nur ei­ner von fünf Links zu Nach­rich­ten­sei­ten lei­te­te zu Fake News wei­ter, über die vier üb­ri­gen Ver­wei­se er­reich­ten die Nut­zer eta­blier­te und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Nach­rich­ten­sei­ten.

Ent­war­nung: Bi­zarr, aber harm­los

An­ge­sichts der Stu­di­en­la­ge kann also von ei­ner zu­neh­men­den Kon­zen­tra­ti­on der Nut­zer auf ei­ni­ge we­ni­ge Quel­len und In­hal­te ins­ge­samt kei­ne Rede sein. Die öf­fent­li­che Mei­nungs­bil­dung fin­det of­fen­bar für den über­wie­gen­den Teil der Be­völ­ke­rung eben nicht in Echo­kam­mern und Fil­ter­bla­sen statt. Im Ge­gen­teil: Mei­nungs­viel­falt und Ver­trau­en in Qua­li­täts­jour­na­lis­mus spie­len auch und ge­ra­de heu­te eine zen­tra­le Rol­le. Ein­zel­ne Fake News sind in eine In­for­ma­ti­ons­um­welt ein­ge­bet­tet, in der sie von ver­läss­li­chen In­hal­ten mas­siv über­la­gert wer­den. Der Wett­be­werb der In­for­ma­ti­ons­quel­len und die Me­di­en­kom­pe­tenz der Di­gi­tal Na­ti­ves und Im­mi­grants wir­ken hier wie ein de­mo­kra­ti­sches Im­mun­sys­tem.

Die Nut­zer kon­su­mie­ren nach wie vor hoch­wer­ti­ge jour­na­lis­ti­sche In­hal­te. Des­halb sind Fake News vor al­lem ei­nes: un­ter­halt­sa­me Ku­rio­si­tä­ten. Foto: Mar­kus Spis­ke, Quel­le, Li­zenz: CCo Crea­ti­ve Com­mons

Aus die­sem Grund ist das Ri­si­ko, dass Nut­zer durch ge­ziel­te Lü­gen ma­ni­pu­liert wer­den, äu­ßerst ge­ring. Die Vor­aus­set­zun­gen für eine dif­fe­ren­zier­te Mei­nungs­bil­dung und eine gut in­for­mier­te und re­flek­tier­te po­li­ti­sche Mit­be­stim­mung sind, ins­be­son­de­re auch in Deutsch­land, also durch­aus ge­ge­ben. Eine be­son­de­re Ge­fahr für die nächs­te und auch für die über­nächs­ten Wah­len ist nicht zu er­ken­nen.

Viel­leicht müs­sen wir ein­se­hen, dass wir ei­ner op­ti­schen Täu­schung un­ter­lie­gen, wenn wir dem Pro­blem eine so gro­ße Re­le­vanz zu­schrei­ben, wie dies im mas­sen­me­dia­len Dis­kurs zu be­ob­ach­ten ist. Mög­li­cher­wei­se sind wir ein­fach von je­nen Halb- und Un­wahr­hei­ten über­rascht, die frü­her den Rah­men von ge­sel­li­gen Stamm­tischa­ben­den nicht ver­las­sen ha­ben, heu­te aber öf­fent­lich sicht­bar ge­wor­den sind. Wie dem auch sei, es wäre je­den­falls gut, wenn wir un­se­re Auf­re­gung dros­seln wür­den. Denn zum ei­nen scheint es drin­gen­de­re Fra­gen zu ge­ben, bei­spiels­wei­se nach der Si­cher­heit der Soft­ware, mit der am Wahl­tag die Stim­men aus den Wahl­krei­sen zum Bun­des­wahl­lei­ter über­mit­telt wer­den sol­len. Und zum an­de­ren könn­te die Pa­nik­ma­che dazu füh­ren, dass Fake News ih­rer bis­he­ri­gen Be­deu­tungs­lo­sig­keit zum Trotz doch noch ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen ha­ben. Nicht in­halt­lich, son­dern in­di­rekt durch die Er­schüt­te­rung un­se­res Ver­trau­ens in die Ver­läss­lich­keit der de­mo­kra­ti­schen Ver­fah­ren in un­se­rem Land. Und dazu dür­fen wir es nicht kom­men las­sen.

Au­to­ren: Ka­tha­ri­na Schwarz­kopf und Ste­phan Früh­wirt

John D. Gal­la­cher, Mo­ni­ca Ka­mins­ka, Bence Kol­lanyi, Taha Yas­se­ri, and Phi­lip N. Howard. “So­ci­al Me­dia and News Sources du­ring the 2017 UK Ge­ne­ral Elec­tion” Data Memo 2017.6. Ox­ford, UK: Pro­ject on Com­pu­ta­tio­nal Pro­pa­gan­da.
Phi­lip N. Howard, Sa­man­tha Brad­shaw, Bence Kol­lanyi, Cle­men­ti­ne De­sig­aud, Gil­li­an Bol­so­ver.  “Junk News and Bots du­ring the French Pre­si­den­ti­al Elec­tion: What Are French Vo­ters Sharing Over Twit­ter?” Data Memo 2017.3. Ox­ford, UK: Pro­ject on Com­pu­ta­tio­nal Pro­pa­gan­da.
Lisa-Ma­ria Neu­dert, Bence Kol­lanyi, Phi­lip N. Howard. “Junk News und Bots bei der Bundespräsidentenwahl 2017: Was ha­ben Deut­sche Wähler auf Twit­ter ge­teilt?”” Data Memo 2017.2. Ox­ford, UK: Pro­ject on Com­pu­ta­tio­nal Pro­pa­gan­da.
Hunt All­cott, Mat­thew Gentz­kow. “So­ci­al Me­dia and Fake News in the 2016 Elec­tion” Jour­nal of Eco­no­mic Perspectives—Volume 31, Num­ber 2—Spring 2017—Pages 211–236.
Alex­an­der Sän­g­er­laub. “Deutsch­land vor der Bun­des­tags­wahl: Überall Fake News?!”. Stif­tung Neue Ver­ant­wor­tung. 23. Au­gust 2017.
Ja­cob Poush­ter. “Smart­pho­ne Ow­nership and In­ter­net Usa­ge Con­ti­nues to Climb in Emer­ging Eco­no­mies”. Pew Re­se­arch Cen­ter.
Yoc­hai Benk­ler, Ro­bert Fa­ris, Hal Ro­berts, and Ethan Zu­cker­man. “Breit­bart-led right-wing me­dia eco­sys­tem al­te­red broa­der me­dia agen­da”. März 2017.
You­Gov Deutsch­land. Al­les Fake?! Fake News aus Sicht deut­scher Wähler. 2017. (An­mel­dung er­for­der­lich)
West­deut­scher Rund­funk (WDR). Glaubwürdigkeit der Me­di­en. De­zem­ber 2016.
2017-09-14T20:55:52+00:00 Donnerstag, September 14, 2017|Categories: Manipulation|Tags: , , , |2 Comments

2 Comments

  1. Gerald 1. November 2017 at 20:58 - Reply

    Ein aus­ge­zeich­ne­ter Ar­ti­kel! In­halt­lich wird er in al­len Punk­ten durch die Er­eig­nis­se der ver­gan­ge­nen sechs Wo­chen be­stä­tigt. Von ei­ner Ma­ni­pu­la­ti­on der US-Wah­len durch rus­si­sche Quel­len ist kei­ne Rede mehr. Der deut­sche Wahl­kampf hat­te kein Fake News-Pro­blem. Pro­ble­ma­tisch bleibt al­ler­dings das Zu­stan­de­kom­men der knap­pen Brex­it-Ent­schei­dung, die auf fal­schen Ver­spre­chun­gen und fal­schen Zah­len be­ruh­te. Ein nicht un­er­heb­li­cher Teil der Ka­ta­la­nen scheint nichts dar­aus ge­lernt zu ha­ben. Doch der Ein­fluss von Fake News ist ins­ge­samt ge­ring und wir kön­nen re­la­tiv ge­las­sen blei­ben. In den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten wur­de di­ver­se po­li­ti­sche Ge­gen­maß­nah­men ein­ge­lei­tet. Der Ruf nach der Ver­ant­wor­tung der gro­ßen In­ter­net-Un­ter­neh­men eben­so wie die des Staa­tes wur­de ge­hört. Das Pro­blem Hate Speech müss­te al­ler­dings noch ein­mal ge­son­dert be­trach­tet wer­den.

  2. Nils 12. November 2018 at 19:36 - Reply

    Star­ker Ar­ti­kel, weil fun­diert. Ger­ne mehr da­von. So lie­ße sich etwa der Fra­ge nach­ge­hen, war­um ent­ge­gen die­ser In­for­ma­tio­nen das The­ma ‚Fake News’ me­di­al wei­ter­hin eine so pro­mi­nen­te Rol­le spielt?

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